Arthur Braun II: Welten

7.: 2093 und eine Blume

Wir waren an unserem Wandertag unterwegs zur Grünburger Hütte. Ja, dieser Tag war etwas ganz besonderes. Ich wollte endlich dem Ganzen ein Ende bereiten. Ich wußte schon seit längerer Zeit, welche Gefühle das waren, die ich für Simone empfand. Auch wenn wir uns oft genug gestritten hatten, ich konnte nie vergessen, wie nahe wir uns als "Kinder" gestanden hatten, wie unzertrennlich wir gewesen waren, wie oft wir uns gegenseitig besucht hatten. Ich wußte auch, warum mir die Trennung, beziehungsweise das Erlebnis bei diesem Wandertag in der Volksschule, so viele Schmerzen bereitet hatte. Es war schon damals eine Art Liebe gewesen, wenn auch eine eher kindliche, platonische, ohne jegliche sexuelle Gedanken.
Und jetzt war wieder ein Wandertag. Einige Jahre später, in der "Unterstufe". Wir waren ziemlich zerstritten gewesen in der Zwischenzeit, langsam hatten sich dann die Wogen geglättet, nur wir sprachen noch immer kaum miteinander, hielten Abstand, um nicht wieder in Wortgefechte mit dem jeweils anderen zu schlittern. Ich war mir klar geworden, daß ich deswegen den Kontakt mit Simone vermied, weil ich mich bei jeder "bösen" Bemerkung, die sie auf mich losließ, sehr verletzt und angegriffen fühlte. Die Verteidigung, die darauf folgte, war daher auch immer eher bissig und auf Verletzung gezielt, was innerlich noch mehr weh tat. Vielleicht war das ja auch umgekehrt so. Vielleicht mied sie mich nur aus dem Grund, weder mich zu verletzen noch selbst verletzt zu werden. Vielleicht empfand sie ja auch so etwas wie Liebe für mich.
Jedenfalls mußte mit diesem Zustand jetzt Schluß sein. Und daher hatte ich mich entschlossen, endlich den Schritt zu setzen. Ich mußte ihr sagen, wie ich mich fühlte. Ich mußte endlich dazu stehen. Ich mußte sie dazu bringen, nicht nur wieder eine gute Freundin zu werden, sondern noch mehr: eine Beziehung mit mir einzugehen. Ja, genau das war's. Langsam wurde ich jedoch nervös. Ich wollte das heute schaffen. Dieser Wandertag war der beste Zeitpunkt. Nur wie sollte ich das hinkriegen?
Naja, meine pubertierenden Klassenkollegen machten das immer auf eine ziemlich "einfache" Art: Eine Frage - "Willst du mit mir gehen?" - und das war's auch schon. Meistens war's das bald auch schon für die ganze "Beziehung" - zumindest nach ein paar Stunden oder Tagen. Doch so einer war ich nicht. Ich sage ja nicht, daß ich mich nicht als "pubertierend" gezählt hätte - ich war ja schließlich auch 13 - und was durchlebt man in so einem Alter, wenn nicht die Pubertät (oder zumindest einen frühen Abschnitt davon). Trotzdem war mir das zu kindisch - einfach dazugesellen und fragen "Willst du mit mir gehen?" So was Blödes und Naives. Außerdem sollte es erstens nicht scheitern und zweitens doch länger als ein paar Tage halten. Also so nicht. Und wie dann? Ich überlegte hin und her, und wanderte weiter. Die Hütte kam immer näher. Und ich wurde noch nervöser und dachte noch hektischer nach. Wie sollte ich das schaffen? Vielleicht war diese kindische Frage ja genau das, was sie brauchte? Vielleicht mußte man ein Mädchen so ansprechen? Vielleicht war das "gottgegeben"? So ein Schwachsinn. Das konnte ja nicht sein. Im Fernsehen hatte ich das auch noch nie gesehen. Und schon alleine mein Gefühl sagte mir, daß das nicht sein konnte.
Und da erschien auch schon eine prächtige, blühende Wiese vor uns, und in ihrer Mitte stand die Hütte. Die Grünburger Hütte, so wie ich sie von Ausflügen mit den Eltern kannte. Am Abend sollte es so weit sein. Zuerst würden wir noch etwas essen und unsere Sachen in die Schlafräume bringen. Schließlich würde die ganze Klasse hier übernachten. Und ich hoffte, daß darunter dann auch ein glückliches Pärchen zu finden sein würde - Arthur und Simone. Und noch immer wußte ich nicht, wie ich das bewerkstelligen sollte. Warum war das alles bloß so schwierig?
Aber zuerst brachte ich mein Schlafzeug in den Buben-Schlafraum, und dann kam das Essen. Ein paar Mitschüler hatten inzwischen Wind davon bekommen, was mich ständig beschäftigte (schließlich war ja das Verhältnis zwischen Simone und mir immer ein besonderes gewesen, und man mußte eigentlich nur zwei und zwei zusammenzählen können, um zu wissen, welches Mädchen mich so beschäftigen könnte) - und sie begannen, mich zu drängen: "Geh endlich hin! Du wirkst ja wie ein Feigling" und ähnlich begannen sie zu argumentieren.
Nach dem Essen, von den Mitschülern ständig mit verschiedensten Gründen für ein schnelles Handeln versorgt, gab ich mir endlich den Ruck und ging zu ihr hin. "Simone" "Ja, Arthur?" o begann das Gespräch, mitten unter den Mitschülern. "Simone, ich muß gestehen... - ich liebe dich.... Äh, könntest du dir vorstellen, mit mir zusammen zu sein?" Das war's. Simone verdrehte ihre Augen. Und jetzt dachte sie nach. Inzwischen waren die Blicke aller Mitschüler, der gesamten Klasse, auf uns gerichtet. Die Spannung stieg und stieg.
"Du mußt mir aber 2093 Blumen bringen." Sie hätte auch gleich "Nein" sagen können, was sie ja eigentlich damit meinte. Doch das brachte sie anscheinend doch nicht über ihr Herz - und so mußte ihr Geburtsjahr herhalten, um mir zu sagen "wenn du etwas Unmögliches möglich machst, dann vielleicht". Traurig ging ich weg. Doch mindestens die halbe Klasse folgte mir. "Die ganze Wiese ist voller Blumen. Wir helfen dir." "Ach geh, das war doch nur eine blöde Ausrede..." "Nein, das ist doch schön, so viele Blumen! Kommt!"
Im Nu hatten sich die Schüler organisiert, Massenweise pflückten sie, äh, nein, rissen sie die weißen Blumen auf der Wiese ab. Andere hatten sich als "Zählkommando" eingesetzt, andere legten die abgezählten Blumen ordentlich zusammen, sodaß man einen Riesenstrauß formen können würde. Mir wurde die Aktion immer peinlicher. Ich hatte mich vorhin schon genug blamiert, und jetzt wurde die schöne Wiese für mich abgegrast, in einer sinnlos scheinenden Aktion. Was würde sie mit 2093 Blumen anfangen wollen, noch dazu, wenn alles gleiche, weiße Wiesenblumen waren? Sie konnte das einfach nicht ernst genommen haben. Und trotzdem engagierten sich die Mitschüler für mich? Da war doch der Wurm drin. Das konnte nicht gutgehen. Nachdem die anderen mir aber nicht glaubten (oder glauben wollten), versuchte ich, mich von den Peinlichkeiten zu entfernen. Mir war ziemlich klar, daß ihr die Menge an Blumen ziemlich blöd vorkommen würde, wollte aber trotzdem irgendwie den Schaden minimieren und begann, besondere Blumen zu suchen, die dort deutlich seltener vorkamen als diese weiße Massenware, die gerade in Bausch und Bogen abgerupft wurde. Ich brachte einen kleiner bunten Strauß zusammen, bis ich zurückkehrte. Dort waren mein Klassenkameraden auch schon ziemlich fertig mit ihrer eigenartigen Tätigkeit. Ich ließ mich dazu drängen, den Strauß auch wirklich zu überreichen, obwohl mir mir die ganze Geschichte extrem peinlich war.
Nachdem die abgezählten Blumen so zusammengelegt worden waren, daß man sie als Strauß mit Hilfe beider Hände irgendwie fassen konnte, marschierte ich zu Simone. Sie war schon sehr verlegen, wußte nicht, wie sie mir erklären sollte, daß das auch nichts helfen konnte, lehnte aber den ganzen Strauß jedenfalls mit fadenscheinigen Begründungen einfach ab. Jetzt sah alles noch viel schlimmer aus. Ich wandte mich mit Tränen in den Augen ab, die Klasse tat verständnislos, irgendwann schöpfte ich aber doch noch einen Funken Hoffnung - außerdem konnte ich die ganze Aktion nicht einfach so im Raum stehen lassen. Ich zog mich zurück, meinen kleinen Strauß bunter, netter Blumen wieder in der Hand, überlegte hin und her. Dann begann ich, den Staruß noch zu vervollständigen, und schließlich faßte ich mir ein Herz und ging zu Simone.
Ich entschuldigte mich für das Verhalten der Klasse, sie sollte mich, den Menschen, der sie sehr gern hatte, betrachten und nicht die Lächerlichkeit dieser Aktion. Ich bot ihr den kleinen Strauß als Trostpflaster an. Daraufhin meinte sie, sie wollte sich mit mir unterhalten und ich sollte ihr folgen. Wir gingen zu einer Bank, die am Hang über der Hütte lag und setzten und dort hin. Ich weiß bis heute nicht, ob damals schon Gefühle ihrerseits für mich existierten, jedenfalls erklärte sie mir ihre Sicht des Abends, ich versuchte, meinen Blickwinkel darzustellen. Simone meinte jedenfalls, sie wäre keinesfalls gegen mich eingestellt und würde sich freuen, wenn unsere Freundschaft wieder aufleben würde, aber alles andere sei zu viel erwartet.
Trotz allem war durch diese Erlebnisse wieder ein Stillstand in unserem Verhältnis zueinander eingetreten, der noch einige Zeit andauern sollte. An eine Beziehung war aber nicht mehr zu denken, die schien jetzt aber praktisch unmöglich...
Während ich mich wieder langsam aus diesem Traum löste, war ich froh, daß alles anders gekommen war. Gottseidank hatte ich mich damals nicht zu dieser Frage überwinden können. Und jetzt hatten wir es doch geschafft und waren schon einige Zeit zusammen. Ja, wir waren so weit, daß sogar die Vorstellung einer Hochzeit zwischen uns beiden nicht mehr unwahrscheinlich schein...

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© Robert Kaiser, 1997-2000