Arthur Braun II: Welten

11.: 2000 - Odyssee der Gefühle

Ich saß im Zug von Wien nach St. Valentin, wo ich dann umsteigen müßte, um nach Steyr zu gelangen. Mir schien, als würde ich plötzlich im Körper eines Studenten stecken, der um die Jahrtausendwende von einer Studienwoche nach Hause fährt. Ich hatte einen Block am Schoß liegen, auf dem ich am 11. Kapitel meines Buches schreiben wollte, doch ich wußte nicht so recht, was ich schreiben sollte. Meine Gedanken schweiften ständig ab, sodaß ich nichts Sinnvolles schreiben konnte. Ich konnte mich einfach nicht richtig konzentrieren. Und die Ursache für meine geistige Abwesenheit war eine, die sehr verständlich sein sollte, da sie Menschen eigentlich noch in jeder Zeit die Konzentration rauben konnte: das andere Geschlecht. Nicht, daß mich die Damen im Zugabteil so abgelenkt hätten - nein, es war noch viel schlimmer: Ich mußte immerzu an eine bestimmte, nicht anwesende Frau denken. Und nachdem ich mich ja nicht als Arthur Braun in meiner Zeit in meinem eigenen Körper befand, war das auch nicht meine Simone, die ich (der "echte" Arthur) mittlerweile ganz gut kannte.
Es war eine Frau, die ich (womit wieder jener Student gemeint ist, der da im Zug saß) nur grob von ein paar Treffen und Gesprächen kannte. Meine Gedanken kreisten ständig um das Thema meiner weiteren Zukunft mit ihr. Hatte sie auch Interesse an mir? Oder hatte ich mich getäuscht, waren jene Anzeichen, die ich als Interesse an mir gedeutet hatte, gar nicht so gemeint gewesen? Wenn sie doch - zumindest ein Wenig - Interesse nan mir hatte, wie könnte ich es schaffen, zwischen uns eine Beziehung zu initiieren und aufzubauen? Wenn sie eigentlich auch mit mir zusammen sein wollte, wie könnte ich den entscheidenden Schritt setzen, um die Träume, die wir beide hatten, wahr werden zu lassen? Hatten wir wirklich die gleichen Träume, dieses Thema betreffend? Und wieder: Woher konnte ich wissen, ob sie überhaupt an mir interessiert war? Diese Fragen beschäftigten mich ständig, raubten mir die Zeit. Fragen die - wenn überhaupt - nur schwer beantwortbar waren. Aber Fragen, die mich trotzdem nicht loslassen wollten, die ich mir immer wieder stellte. Was sollte ich tun, um ihr Herz zu gewinnen, was, um uns näher zu kommen, was, um eine Beziehung aufzubauen?
Ich hatte sie in den vergangenen Monaten kennengelernt, ursprünglich nur ein paar nette Stunden am Glühweinstand mit ihr verbracht. Durch Zufall besuchte sie dann ein Chemie-Praktikum, das ich zum gleichen Zeitpunkt absolvierte. Ich hatte sie schon damals am Glühweinstand anziehend gefunden, doch jetzt hatte ich die Gelegenheit, sie ein Wenig näher kennen zu lernen, da wir großteils den gleichen Heimweg hatten, und diesen auch oft gemeinsam bestritten. Auch an Abenden hatten wir es ein- oder zweimal geschafft, gemeinsam zu einem Fest zu gehen. Zusätzlich hatten wir uns einmal in einem Kaffeehaus getroffen. Aber eines hatten alle unsere Treffen gemeinsam: Wir hatten uns immer nur unterhalten. Die Gespräche waren immer gut, teils intensiv, aber es waren halt immer nur Gespräche. Wir hatten über ihren Hund gesprochen, über unser Privatleben, über ihre Arbeit im Sommer, aber wir schafften es nie, uns näher zu kommen.
Apropos Sommer-Job: Jetzt, kurz vor Ferienbeginn, waren wir so weit gekommen, daß wir uns verabreden wollten, nur ergaben sich jetzt Terminprobleme. Wir hatten für Prüfungen zu lernen, und als die vorbei waren, mußte sie sich auf ihren Ferienjob in den USA vorbereiten, Arztbesuche und ähnliches hinter sich bringen. Tja, und jetzt würde sie für zweieinhalb Monate da drüben sein, der Kontakt unterbrochen sein. Wir würden uns erst im Oktober wiedersehen. Fast versank ich in Trauer, doch mich beschäftigten noch immer diese Fragen: Wie sollte es weitergehen mit uns? Was sollte ich tun? Wie einen Schritt, zumindest ein deutliches Zeichen setzen? Und: War sie überhaupt an mir interessiert, oder bildete ich mir das alles nur ein?
Apropos Einbildung: War ich nicht noch immer in der Hütte meines Vaters? Diese Person im Zug, war das nur Einbildung? Ich war ja Arthur Braun, wir schrieben das Jahr 2110, und ich war kein Student, der im Juni 2000 an einem Buch schrieb, und dabei im Zug saß. Träumte ich das alles nur? Irgendwie war das alles trotzdem zu real. Naja, da war ja noch dieser Zauberspruch... Wie hieß das gleich noch mal? "E UNIVERSIS UNUM", richtig. "Aus allem eines"... Warum erinnerte mich dieses Latein im Zusammenhang mit Zauberei gerade so an Asterix und Obelix?

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© Robert Kaiser, 1997-2000